Wandersehnsucht reißt mir am Herzen, wenn ich Bäume höre, die abends
im Wind rauschen. Hört man still und lange zu, so zeigt auch die
Wandersehnsucht ihren Kern und Sinn. Sie ist nicht Fortlaufenwollen vor
dem Leid, wie es schien. Sie ist Sehnsucht nach Heimat, nach Gedächtnis
der Mutter, nach neuen Gleichnissen des Lebens. Sie führt nach Hause.
Jeder Weg führt nach Hause, jeder Schritt ist Geburt, jeder Schritt ist Tod,
jedes Grab ist Mutter. So rauscht der Baum am Abend, wenn wir Angst vor
unseren eigenen Kindergedanken haben. Bäume haben lange Gedanken,
langatmige und ruhige, wie sie ein längeres Leben haben als wir. Sie sind
weiser als wir, solange wir nicht auf sie hören. Aber wenn wir gelernt haben,
die Bäume anzuhören, dann gewinnt gerade die Kürze und Schnelligkeit
und Kinderhast unserer Gedanken eine Freudigkeit ohnegleichen. Wer
gelernt hat, Bäumen zuzuhören, begehrt nicht mehr, ein Baum zu sein. Er
begehrt nichts zu sein, als was er ist. Das ist Heimat. Das ist Glück.
 Hermann Hesse, Gesammelte Werke, Band 6
 
 
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